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Politik und Wirtschaft
16.3.2011 22:56
Atomstrom, von Roger
Lebst du schon, oder strahlst du noch?
Nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei erst seit ein paar Tagen Atomstromgegner, das bin ich doch schon länger und seit die Atom-Axpo das Gefühl hat, man müsse eine mutmasslich drohende Stromlücke mit Atomstrom füllen, musste ich mich wieder deutlicher zu Wort melden, was ich ja ausgesprochen selten tue ;-) So brutal es tönt, aber vielleicht hat das ganze Desaster in Japan auch ein Gutes, nämlich dass die ewiggestrigen Betonköpfe in Bundesbern und in der Axpo endlich aufwachen. Vielleicht braucht es noch den Super-Gau, damit es auch noch der Letzte merkt - ich hoffe es aber für die Japaner nicht. Atomstrom hat keine Zukunft und ist nicht state of the art. Es ist ja hochinteressant. Vor ein paar Tagen in der Arena auf SF bekam man das Gefühl, die Schweiz würde, wenn man in 20 Jahren die Atomkraftwerke vom Netz nimmt, in einer mittelalterlichen Dunkelkammer versinken. Und nur der heilige Atomstrom von Godfather Heinz Karrer wird uns retten. Und was geschieht heute? Die Banken- und Energiekonzernnutte FDP ist der Ansicht, dass Atomstrom jetzt nicht mehr mehrheitsfähig sei und man eine Zukunft ohne Atomstrom planen soll. Aha? OK? Ja, wie jetzt? Vor ein paar Tagen war die Stromlücke nur durch Atomstrom zu füllen und jetzt scheint es doch plötzlich anders zu gehen? Was läuft? Entweder ist das jetzt eine rein politisch motivierte und mit Blick auf die Wahlen vollzogene, heuchlerische Kehrtwende oder dann meint es die FDP ernst. Und auch der Bund findet, man sollte das Kapitel Atomstrom nochmals überdenken. Was geht? Wurden wir – und das vermute ich als Laie schon seit einiger Zeit – von der Atomstromlobby unter Führung von STRAHLEmann Karrer (CEO der Axpo) und dem Bundesrat einfach angelogen und verarscht. Der Typ will so penetrant neue Atomkraftwerke, dass ich gestern, als dieser Wahnsinnige im Club auf SF fast pflennte vor geheucheltem Mitleid mit den Japanern, fast auf den Fernseher kotzen musste. Wäre ich im Studio gewesen, ich glaube man hätte mich festhalten müssen, damit dem keine reingehauen hätte. Dem sollte man das Atomendlager gleich im Garten einrichten. Es ist ja absolut sicher. Super Gesteinsschichten haben sie jetzt gefunden, boooaaahhhh, 100 % sicher, da passiert jetzt gar nichts. So sicher wie die 59 AKWs von Herrn Sarkozy in Frankreich. Die sind auch 100 % sicher. Und das darf man ruhig glauben. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, denn Franzosen lügen ja nicht, nein, das machen nur die Japaner. Ist ja klar, selber schuld, wer baut schon Atomkraftwerke in einem Erdbebengebiet? Wer kann nur so wahnsinnig sein und dann noch behaupten es sei sicher? Und hätte es vor 15 Tagen in Frankreich gerumst, wäre das Staatsoberhaupt Japans vor die Kamera getreten und hätte uns lächelnd erzählt, unsere Atomkraftwerke sind 100 % sicher, da kann gar nichts passieren. Wie beruhigend wäre das gewesen. Aufwachen, AKWs sind NICHT sicher, waren es nie und werden es nie sein. Es gibt keine 100 %ige Sicherheit, vielleicht noch in den feuchtstrahlenden Träumen des Herrn Karrer. Die AKWs sind ja nur ein Teil der Geschichte und wohl noch das kleinere Übel als der atomare Abfall. Mir geht nicht in den Kopf, wie wir es verantworten können, hochgiftigen Abfall zu produzieren, der je nach Quelle sicher Hunderte, wenn nicht Tausende oder Zehntausende von Jahren benötigt, bis er abgebaut ist. Man muss das einmal in den Kontext der Geschichte der Menschheit stellen. Das ist purer Wahnsinn und Selbstmord, nicht an uns, aber an den nächsten Generationen. Wer sagt uns, dass in 600 Jahren noch verstanden wird, was wir mit den Beschriftungen und Zeichen, die wir an solchen Lagern anbringen, gemeint haben. Und einfach davon ausgehen, dass die Welt Tausende von Jahre so stabil wie heute bleiben wir, ist etwa so dumm wie zu glauben, dass AKWs sicher sind. Aber hey, da hat Supermann Karrer sicher auch schon eine tolle Lösung auf Lager. In Europa gibt es gemäss einem Bericht im Tages-Anzeiger vom 15. März 2011 (Quelle: Nuklearforum Schweiz) 195 Atomkraftwerke, 53 im Bau und 116 projektierte. In Europa! Dann gibt es noch die USA, China und Japan…. Und jetzt stelle man sich mal den Abfall vor. Wo wird das alles gelagert? Wird es in Ländern wie der Ukraine oder China überhaupt einigermassen sicher endgelagert? Ich habe grösste Zweifel. Aber hey, hast du Endlagersorgen, Karrer wird für Lösung sorgen! Er hat einen grossen Garten. Supi-Sache! Und trotzdem gibt es Leute, die immer noch AKWs bauen wollen. Das ist nicht erst seit dem Unfall in Japan krank, das ist seit Tschernobyl krank. Und Tschernobyl ist das beste Beispiel, dass der Mensch die Gefahr wieder vergessen wird. Japan ist heute (und wird uns wohl viel weniger betreffen als Tschernobyl), in 5 Jahren interessiert das keine Sau mehr. Bis zum nächsten Desaster. In Deutschland gibt es gemäss dem Nuklearforum Schweiz 17 Atomkraftwerke, die 26 % des gesamten Strombedarfs liefern. In der Schweiz gibt es 5 Kraftwerke, die 39 % des Stroms liefern, in Frankreich hingegen gibt es 59 Atomkraftwerke, die 75 % des Stroms liefern. Üblich in Europa ist ein Atomstromanteil von rund 20 – 40 %. Mir ist absolut bewusst, dass man die AKWs heute nicht einfach abschalten kann und das fordere ich auch nicht. Ich fordere aber, dass man keine neuen AKWs mehr plant und baut und die bestehenden fortlaufend vom Netz nimmt. Das sind wir uns und unseren Nachkommen schuldig. Wenn man davon ausgeht, dass in der Schweiz die AKWs noch 20 Jahre laufen, dann bin ich einfach davon überzeugt, dass wir die 39 % - sowie den zukünftigen, zunehmenden Strombedarf – abdecken können, wenn wir nur wollen. Erstens sollte man uns endlich über die Kostenwahrheit von Atomstrom informieren - unzählige Milliarden von Risikofranken müssen auf den Storm geschlagen werden! Dann müsste man Geld in die Forschung stecken und konsequent bei Neubauten Minergie und Solardächer fordern. Dann muss das ganze Recycling-System noch konsequenter umgesetzt werden. Abwärme nutzen, Erdwärme nutzen. Dann müsste man ähnlich wie bei der LSVA, wo alte Motoren höher besteuert werden, veraltete Geräte mit hohen Strafgebühren belasten, welche zur Subvention von energieeffizienten Geräten eingesetzt oder der Forschung zugeführt werden. Das geht natürlich alles nicht von heute auf morgen, aber in langsamen, für die Wirtschaft verkraftbaren Schritten. Und vor allem, es braucht ein klares Bekenntnis von der Schweiz und Europa und bestenfalls auch von USA und Asien dazu. Wenn hier alle am gleichen Strick ziehen würden, das würde funktionieren, da bin ich fest davon überzeugt. Die EU, UNO oder G8 oder so eine Organisation müsste den Lead übernehmen. Und auch die Umweltverbände müssten mit an den Tisch geholt werden und auch diese müssten zu Eingeständnissen bereit sein. Zum Nulltarif gibt es nicht einfach mehr sauberen Strom. Auch hier müssen wir zu Konzessionen bereit sein, und das bin ich, auch als Mitglied von WWF und Pro Natura. Klar wird es Bürokratieaufwand und Ineffizienz und so Sachen geben, wie in vielen anderen Bereichen auch, aber wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann wird man das erreichen, weil man einfach muss. Und man stelle sich mal den Wirtschaftsmotor vor, der hier in Gang gesetzt wird. Da müssten wir keine Autobahnen mehr bauen, das würde anders abgehen, neue Jobs, neue Berufe, und wenn die Schweiz Technologieführerin würde, hell yeah, würde das Kasseli rocken! Der Gewerbeverband sieht das zwar nicht ein, aber das ist eine andere Geschichte. Entscheiden wir uns aber für neue AKWs, dann ist das alles vom Tisch, dann besteht eben nicht genügend Druck etwas zu ändern, weil die Stromversorgung ja sowieso gesichert ist. Das ist wie beim Erdöl. Wir verbrennen dieses wertvolle Gut immer noch zum heizen. Das ist krank. Und immer wenn ich wieder Werbung von „Heizen mit Öl“ sehe, würde ich am liebsten auf die Zeitung kotzen. Irgendwann gibt es kein Erdöl mehr und dann, oh Wunder, wird es ganz schnell gehen z.B. mit alternativen Antrieben für Autos. Benzin ist heute viel zu billig, damit etwas passiert und es ist noch zuwenig Druck da, da noch genügend Erdöl vorhanden ist. Nur, wenn es kein Erdöl mehr gibt , was dann? Erdöl ist auch in Kleidern, Medikamenten etc. Spätestens dann werden wir bzw. unsere Kinder oder Kindeskinder es bereuen, dass wir es einfach verbrannt haben. Und noch etwas: Es gibt nur zwei Sachen, die die Menschen zum Umdenken bewegen: Katastrophen und das Portemonnaie. Der Mensch funktioniert nur über Geld und nur so kann man ihn steuern. Alles andere, freiwillige, kann man im grossen Stil vergessen. Vielleicht ist der Mensch aber einfach auch nur dazu gemacht, die Welt zu zerstören. Und er wird es irgendwann schaffen, da bin ich ziemlich sicher. Und noch was am Rande. Giaccobo/Müller kotzen mich fast noch mehr an als der Herr Karrer. Sie finden, man dürfe nach so schlimmen Nachrichten aus Japan keine Humorsendung machen? Hallo? Aber den Gaddafi nachäffen und sich dann königlich fühlen, das ist super. Ist doch egal, dass er seit Jahrzehnten sein Volk unterdrückt und derzeit die Opposition abmetzelt (dank dem Atomchaos in Japan nicht mehr im Fokus der Weltgemeinschaft), das ist nicht so schlimm. Da kann man locker mal den Gaddafi machen. Oder dass jährlich 12-13 Millionen Kinder verrecken (Quelle: terre des hommes), weil sie nichts zu Fressen haben? Ist doch egal, die meisten sind eh nur blöde Negerkinder. Da machen wir doch gleich noch 3x den Gaddafi. Nein, man hätte die Sendung machen und sich eben genau auf Atomstrom und AKWs fokussieren müssen. Aber was solls, die Sendung der beiden hat sich ja schon lange totgelaufen, schaue ich eh nur noch selten, ist immer das Gleiche. Das sind auch so falsche, scheinheilige Heuchler. Trittst im Morgenrot daher, seh‘ ich dich im STRAHLENmeer, dich, du Hocherhabender, Herrlicher! Roger, 16. März 2011
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